NTB-Präsident Heiner Bartling (links) ist überzeugt: Sportvereine sind zeitgemäß!

"Vereine sind extrem wandlungsfähig"

Heiner Bartling, der Präsident des Niedersächsischen Turnerbundes spricht im Interview über die Herausforderungen für Sportvereine, über ihre großen Vorteile und seine Vision von der Zukunft.

13 Landesturnverbände nutzen mittlerweile das Konzept zum Projekt "Sportverein 2030", von Veronika Rücker, der Generalsekretärin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), gab es viel Lob und unzählige Vereine beschäftigen sich mittlerweile aktiv mit ihrer Zukunft. Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten es für Vereine trotzdem noch zu meistern gilt, verrät Heiner Bartling, der Präsident des Niedersächsischen Turnerbundes, hier.

Herr Bartling, sind Sportvereine noch zeitgemäß?
Solange es Menschen gibt, die ihr gemeinsames Interesse an Bewegung und Sport verbindet, sind Sportvereine zeitgemäß! Sie können ein Stück Heimat, ein Stück Sicherheit und Wohlfühlen darstellen. Vorausgesetzt sie setzen sich mit den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft auseinander.

Wie sieht ein moderner Verein im Jahr 2030 aus?
Das schöne ist, auch 2030 wird es nicht den Sportverein geben. Es wird Tausende unterschiedlicher Turn- und Sportvereine geben. Was die modernen Sportvereine 2030 ausmacht: Sie setzen sich aktiv mit der Zukunft und Zukunftsfähigkeit auseinander und gestalten in ihrem Umfeld das sportliche und gesellschaftliche Miteinander.

Welche Herausforderungen muss er bis dahin meistern?
Es gibt jede Menge große und kleine Herausforderungen, die der Verein gestaltend angehen kann. Im Workbook „Sportverein 2030“ haben wir die großen gesellschaftlichen Themen der Zukunft auf die alltäglichen Herausforderungen und Möglichkeiten für den Turn- und Sportverein runtergebrochen. Dazu gibt es tolle Beispiele, wie Vereine teilweise diese Themen bereits angegangen sind. Als große Handlungsfelder bzw. Themen, die bis ins Kleinste wirken, möchte ich unter anderem die Digitalisierung, die Nachfrage nach ort- und zeitunabhängigen Angeboten, die oder auch das Thema Verantwortung für den Standortfaktor bzw. die Mitgestaltung im öffentlichen Raum nennen. All dies sind Handlungsfelder, die das Vereinsleben und den Verein betreffen.

"In der geschützten Umgebung des Vereins Dinge zu erproben und gestaltend tätig sein zu dürfen, kann eine besondere Stärke von Turn- und Sportvereinen sein."

Welches sind die größten Themenfelder, die Vereine in Zukunft beschäftigen werden?
Das Handlungsfeld der Digitalisierung bzw. des digitalen Transfers ist sicherlich ein absolutes Megathema, weil es in wirklich alle anderen Handlungsfelder herein spielt.

Wie werden diese Themen im Workbook behandelt?
Im Buch werden konkrete Möglichkeiten der Auseinandersetzung angeboten. Ich persönlich finde z.B. den gedanklichen Anstoß, ob der Verein sich nicht auch zu einem bewussten Qualifikations- und Innovationszentrum für seine Mitglieder weiterentwickeln kann, total faszinierend. Vielfach ist dies aktuell nicht das Bild, dass die Bevölkerung von den Turn- und Sportvereinen hat. Andererseits gibt es auch dafür bereits Vorbilder. In der geschützten Umgebung des Vereins Dinge zu erproben und gestaltend tätig sein zu dürfen, kann eine besondere Stärke von Turn- und Sportvereinen sein.

Seit zwei Jahren gibt es das Workbook mittlerweile. Nehmen die Vereine die Hilfe für ihre Zukunft an?
Die Rückmeldungen sind im ersten Schritt überwältigend. Wir sind in der 2. Auflage und bekommen weiterhin Zuspruch aus ganz Deutschland. Uns macht es schon ein wenig stolz, wenn die Generalsekretärin des DOSB, Veronika Rücker, uns anschreibt, um sich für das tolle Konzept zu bedanken oder der Schweizer Turnverband unbedingt das Konzept übernehmen möchte. Das ist für uns Landesturnverbände eine Bestätigung. Mittlerweile nutzen 13 Landesturnverbände unser Konzept. Gleichzeitig merken wir jedoch auch, dass die intensive Auseinandersetzung mit dem Workbook Zeit benötigt. Hier bedarf es noch bessere Unterstützung von und für unsere Vereine.

Was ist für Sie das Besondere am Workbook?
Das Besondere am Workbook ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der zugrunde liegenden Studie in ein tolles Arbeitsbuch mit wirklich guten Methodenangeboten überführt wurde. Ziel war es jedem Einzelnen und jedem der einzigartigen Turn- und Sportvereine die direkte individuelle Auseinandersetzung mit den Themen zu ermöglichen. Wir wollten die Themen „auf die Platte bringen“, sie praxis- und umsetzungsrelevant aufarbeiten. Das ist noch nicht optimal, aber sicherlich gut gelungen.

Welches sind die größten Schwierigkeiten für die Vereine? Wie schwer ist es, sich von eingefahrenen Strukturen und alten Mustern zu lösen?
Zwei Stärken der Vereine sind zum einen die eher werterhaltene, beständige Haltung, die es unter anderem ermöglicht als Teil eines gesellschaftlichen Orientierungssystems zu dienen. Eingefahrene Strukturen und alte Muster sind ja per se nichts Schlechtes. In vielen Bereichen geben Routinen und bekannte Abläufe Sicherheit und feste Struktur. Gleichzeitig sind Vereine extrem anpassungs- und wandlungsfähig. Das zeigt die über 200-jährige Geschichte der Turnvereine in Deutschland.

Gleichwohl ist es nun die Geschwindigkeit der Veränderung, die eine Herausforderung sein wird. Der Verein, ehemals gegründet als ehrenamtliche Gesinnungsgemeinschaft mit seinen extrem hohen Partizipationsanteil, braucht zum Teil deutlich mehr Entscheidungs- und Abwägungszeit, wie ein junges Startup-Unternehmen. Die Bewegung und der Sport wandelt sich in vielen Teilen zu einem interessanten Markt für Wirtschaftsunternehmen und Selbstständige, die mit anderem Risiko, mit anderen Ressourcen und mit anderen Geschwindigkeiten in die finanziell interessanten Bereiche einschlagen. Es stellt sich für die Vereine die Frage, wie sie darauf reagieren. Die Großvereine haben in den letzten Jahren ihre Strukturen verändert. Häufig ging es dabei darum, schnellere Entscheidungen treffen zu können und kompetenz- und zeitorientierte Strukturen zu schaffen.

Allerdings gibt es nicht die eine Lösung. Sie muss jeweils wiederum auf den Verein und sein Umfeld passen. Wandlung und Tradition, abwägen und freundvoll voranschreiten, Geschwindigkeit aufnehmen und Langsamkeit zulassen, die Vereine müssen ihren Weg in diesen wichtigen Spannungsfeldern finden.

"Die Bewegung als Event in einer Jumping Hall ist das eine. Die Bewegung und das Vereinsleben als sozialrelevanter Teil des zivilgesellschaftlichen Erlebens ist etwas anderes."

Wird die Konkurrenz für die Vereine in den kommenden Jahren noch zunehmen? Wie lautet die Devise – Kooperation statt Konfrontation?
Ja, die Konkurrenz wird zumindest in den finanziell lukrativen Bereichen zunehmen. Durch die Angebote von virtuellen Trainingskursen, Trainingsgruppen und vieles mehr entsteht alleine im digitalen Raum eine entortete, zeitlose und unbegrenzte Konkurrenz. Die Skalierbarkeit eines weltweit zugänglichen Kursangebotes führt bereits jetzt zu vielen digitalen Angeboten, die erst einmal in Konkurrenz zum Präsenzangebot vor Ort stehen. Die Devise heißt Profilschärfung. Was macht den Sport im Turn- und Sportverein eigentlich aus? Wo sonst gibt es echte Kümmerinnen und Kümmerer, die organisieren, anleiten, gestalten, trösten, Anlässe schaffen und vieles mehr, weil sie Lust auf soziale Erlebnisse und auf Menschen haben, weil für sie das soziale Miteinander insbesondere im sportlichen Kontext wichtig ist.

Wer kümmert sich denn mit großer Regelmäßigkeit und hohem Verantwortungsbewusstsein um das Kinderturnen und die motorische Grundausbildung. Die Bewegung als Event in einer Jumping Hall ist das eine. Die Bewegung und das Vereinsleben als sozialrelevanter Teil des zivilgesellschaftlichen Erlebens ist etwas anderes. Wenn diese Abgrenzung, die Profilschärfung als eine Art der Konfrontation gesehen wird, dann brauchen wir auch Konfrontation. Auf Basis eines klaren Profils ist neues einfacher zu erproben und sind Kooperationen mit engagierten Menschen die Lust auf Vereine haben und vor allem unter den Vereinen und Verbänden, den kommunalen Einrichtungen und der Organisationen des Gesundheitswesens ein wesentlicher Bestandteil für die Zukunftssicherung unserer Vereine. Es geht aber auch darum, neue Bewegungsformen und -angebote – ob analog oder digital – einzubinden und zu erproben. Vielleicht auch in Form von neuen Kooperationen.

Der NTB hat das Ziel, bis 2030 eine Million Mitglieder zu haben. Wie wollen Sie das schaffen? Sehen Sie sich auf einem guten Weg?
Ich sehe uns auf einem sehr guten Weg. Denn wir wollen nicht nur 1 Million Mitglieder, wir wollen uns – quasi als Weg dorthin – die Goldmedaille in der Vereinsunterstützung und Vereinsbegleitung verdienen. Seit wir dieses Ziel ausgegeben haben, hat sich bereits in unserem Verband extrem viel getan. Ein kleines Ergebnis davon ist unter anderem das Handbuch bzw. das Konzept Sportverein 2030. Wir fokussieren unsere Bemühungen nun ganz intensiv auf die Unterstützung und die Begleitung unserer Mitglieder, also unsere Turn- und Sportvereine. Nahezu jede Aktivität wird daran gemessen, ob sie den Verein im Fokus hat. Der Kern unserer Arbeit ist der Vereinsservice und die Vereinsentwicklung. Der vielleicht wichtigste Teil davon sind unsere Bildungsangebote. Aber auch das gesamte Konzept 2030, unser aktuell startende web2print-Plattform für unsere Vereine, unsere GYMWELT-Angebote und vieles mehr bringt uns auf den richtigen Weg. Aktuell wachsen wir weiter. Die 800.000 Mitglieder als Teilziel haben wir bereits fest im Visier.

 

 

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